Das Missgeburtenmuseum von Bordeaux

Vorwort
Bevor ich nun beginne das nieder zuschreiben, was mir widerfahren ist, muss ich etwas loswerden. Dieses Auslands-Semester in Bordeaux war das was man als echtes Leid bezeichnen kann. Die ganzen Menschen die behaupten, sie würden leiden weil sie mal was falsch gemacht haben sind meiner Meinung nach Idioten. Wie es doch so schön heißt: Wahres Leiden ist unbekannt. Ich wusste es vor dieser Erfahrung auch nicht, was es heißt, zu leiden. Nun ist es mir bekannt und ich beginne nun meine negativen Erfahrungen in Bordeaux zu beschreiben. Fangen wir an.

Hauptgeschichte
Ich war damals Student an der Universität in Bielefeld. Fach: Französisch. Mich hat diese indogermanische Sprache schon seit meinem Lebtag an fasziniert. Frankreich auch sehr…was aber auf die vielen berühmten Personen zurückzuführen ist, die dort gelebt haben und/oder leben. Ich schrieb während meiner Schulzeit immer wieder Einsen in dem Hauptfach Französisch, doch meine Liebe zu Französisch und Frankreich würde verschwinden, nach dem was ich in Bordeaux erlebt habe. In Bordeaux machte ich mein Auslands-Semester. Ich wurde von einer Gastfamilie aufgenommen. Es war ein älteres Ehepaar. Madame Bertaud und Monsieur Bertaud. Sie waren wirklich sehr sehr nett, zu nett, fast schon übertrieben. Die Familie war in der ganzen Nachbarschaft als hilfsbereites Ehepaar bekannt und sie waren echt beliebt. Ihre Wohnung befand sich im Bezirk „La Bastile“. Es war eine sehr einfache Wohnung im letzten Stockwerk des Gebäudes und bei Nacht konnte man das Bellen von Hunden und vorbeifahrende Autos hören. Was ich mich aber immer fragte während meines Aufenthaltes dort war, wohin diese kleine Tür führte, die in der Abstellkammer war. Sie verbaten mir ausdrücklich dort hinzugehen. Als Grund sagten sie mir immer wieder, es seien dort giftige Insekten oder so etwas..

Ich wohnte dort für ungefähr zwei Monate meines Semesters, bis etwas komisches vorgefallen ist. Eines Tages wachte ich in der Nacht auf und ich hörte, wie jemand an der „verbotenen“ Tür klopfte und kratzte. Dieses Klopfen…es wurde immer lauter und lauter. Es hörte sich so an, als wollte jemand unbedingt in diesen Raum gelangen. Ich konnte es nicht länger ertragen und ging langsam auf diese Tür zu, doch mir kam Madame Bertaud entgegen. In ihrer Hand hielt sie etwas, was für mich unbekannt war. Sie schlug auf mich mit diesem „etwas“ ein, doch ich setzte mich zur Wehr. Monsieur Bertaud kam plötzlich und schlug mir so tief in den Bauch, das ich fast erbrechen musste. Er betrat kurz den Raum hinter dieser Tür. Ich konnte nicht genau nachvollziehen, was er dort tat, er kam jedoch nach kurzer Zeit wieder mit einem fetten Lächeln heraus und das Klopfen an der Tür hörte auf. Das Ehepaar hielt mich fest und folgender Dialog fand statt.

M. Bertaud: „Du kommst noch heute Nacht hier raus! Wir wollen nie wieder was von dir hören!“

Ich: „Wieso? Warum zum Teufel? Ich wollte doch nur schauen!“

Mme Bertaud: „Sei still!“

Ich: „Aber ich hab doch noch mein Semester hier…“

M.Bertaud: „Das kannst du vergessen. Du kommst auf die Straße und du erzählst niemandem von dem, ok? Ansonsten müssen wir etwas in die Wege leiten!“ Unterbrach mich Monsieur Bertaud.

Ich: „Wo soll ich denn bitte hin?!“

M.Bertaud: „Das ist mir doch egal..“

Ich: „Was ist hinter der Tür?“

Mme Bertaud: „Manchmal ist es besser, im dunkeln zu tappen.“

Ich: „Was tun sie da?…Lassen Sie mich los!“

Sie hielten mich fest und schleppten mich auf die Straße. Nie wieder vergesse ich ihren Gesichtsausdruck, als sie mich auf die Straße aussetzten. Ihre Blicke waren nicht etwa ernst….nein…in Ihren Blicken konnte man einen kleinen Funken Euphorie erkennen. Draußen auf der Straße hatte ich nur mehr einige wenige Sachen bei mir und mir war sehr kalt, ich kam mir vor, wie einer dieser „Penner“. Als ich durch die Straßen ging fand ich ein sehr konfuses Gebäude. Davon abgesehen, dass es von der Bauform her schon etwas besonderes war, konnte ich ein Schild auf dem Gebäude aufgebracht sehen. „Enfant mal musée“ stand auf dem Schild. Zu deutsch müsste es etwa soviel wie „Missgeburtenmuseum“ heißen. Anscheinend beschäftigte es sich mit dem Ausstellen von Fehlgeburten und den Ursachen hierfür. Es war das einzige Gebäude, in dem noch Licht brannte. Ich betrat es und erreichte die Rezeption. Natürlich fragte ich zuerst nach, wo ich einen Unterschlupf für die Nacht finden könnte. Der Mann an der Rezeption schlug mir jedoch vor, hier zu übernachten. Da ich wenig Geld dabei hatte und ich kein gutes und billiges Hotel in der Nähe finden konnte, nahm ich die Gelegenheit an. Der Mann an der Rezeption sagte mir, er würde das Museum bald abschließen und am nächsten Tag kommen. Es würde also niemand mehr in dem Museum aufzufinden sein.

[Bild: K022Missgeburt.jpg]

Er gab mir eine Decke und ich legte mich in dem Gebäude hin. Das Museum hatte mehrere sehr seltsam aussehende „Figuren“ stehen. Sie hatten alle extrem deformierte Gesichter. Dem Anschein nach sahen die Betreiber dieses Museums dies als Kunstwerk an. Diese Kunstwerke waren einfach das, was man als „Missgeburten“ bezeichnet. Es schien, als wären im ganzen Raum Kunstwerke von Missgeburten zu betrachten. Teilweise sahen diese Figuren sehr ekelhaft aus und ich fragte mich wirklich: Wer will so etwas sehen? Ok, Frankreich ist anders, dass wusste ich schon, aber so etwas hätte ich nie erwartet. Ich legte mich schlafen, doch in dieser Nacht gelang es mir nicht einzuschlafen, egal was ich tat. Denn immer wieder waren seltsame Schreie oder mehrere Klopfgeräusche zu hören. Ich dachte mir nie etwas dabei und redete mir immer ein, dass das nur Einbildungen seien. Doch dann musste ich wieder dran denken, was dieses Klopfen an der Tür der Familie Bertaud war. Zwei Stunden lang konnte ich keine seltsamen Geräusche hören. Fast wäre ich eingeschlafen…bis ich mehrmals wieder dieses Klopfen hörte, und es klang genauso wie das, das ich bei dem Ehepaar auch hörte. Das Klopfen verstörte mich zutiefst.. Doch es würde noch schlimmer kommen.

Ganz plötzlich überfiel mich etwas. In der Dunkelheit konnte ich nicht erkennen was es war, doch ich setzte mich zur Wehr. Langsam erkannte ich, was dieses etwas war..es war eines dieser Figuren, die ausgestellt waren. Es sah furchbar aus. Es hatte zu kleine Arme, ein deformiertes Gesicht, sehr kurze Beine, sah so aus, als hätte sie Wochen nichts gegessen und hatte einen Blick voller geistiger Qual. Es sah sehr mitgenommen und missbraucht aus. Das Wesen fiel mich an, doch ich konnte es noch abblocken indem ich ihm in den Bauch schlug und ich rannte sofort in den oberen Stock. Ich bemerkte langsam, dass all diese ausgestellten Figuren keine Kunstwerke waren..Nein, sie waren menschlich! Viele Missgeburten sahen mich die ganze Zeit an…sie sahen mich mit Blicken an, als würden sie mich töten wollen. Als wären sie nur mehr darauf aus, zu töten. Als würden sie nichts anderes kennen! In ihren Blicken konnte ich Rachsucht und Wut in einer seltsamen Komplikation sehen. Das werde ich wohl nie vergessen… Die Missgeburten begannen auf mich zu zukommen. Sie rannten zwar nicht auf mich zu, jedoch bewegten sie sich mit ihren deformierten Körpern langsam auf mich zu..sie konnten ja nicht rennen….und sie kamen immer näher und näher..Es wimmelte quasi nur so von physisch Behinderten. Sie verfolgten mich…was mir auffiel war, dass sie mich nur dann verfolgten, als ich weg sah. Ich wollte aus dem Gebäude fliehen, doch die Tür war zu und das Glas war Kugelsicher. Egal wie hart ich an das Fenster klopfte oder schlug, niemand bemerkte mich. Und dann kamen sie immer näher…und näher..

Ich rannte zu einer Tür. Auf der Tür war ein Schild aufgebracht:“Betreten verboten!“. Natürlich rannte ich Idiot hinein, doch wäre ich nicht rein gerannt, würde ich wahrscheinlich diesen Text nicht schreiben. Nun denn, die Tür führte zuerst zu einem langen schwarzen Gang und am Ende des Ganges befand eine kleine Tür, die etwa nur 1,50 Meter hoch gewesen sein muss. Ich bückte mich und ging hindurch. Auf der anderen Seite der Tür sah ich furchbares, unbeschreibliches. Dieser Raum war voller Gewalt, Hass und Rache gefüllt. Man könnte es als kleinen Teil der Hölle beschreiben. Ich sah, wie Missgeburten andere normale Menschen entführten, verschleppten und zu Missgeburten „machten“. Ich will nicht beschreiben wie sie das anstellten, ich glaube, nicht mal Worte können das Schicksal dieser armen Menschen beschreiben! Wäre ich eines dieser Opfer gewesen, ich hätte den Gott verflucht der mich existieren hat lassen und hätte gebetet, dass mein Tod ein schneller sein wird. Mehrere Utensilien lagen im Raum verteilt, auf die ich nicht näher eingehen will, da man sie nicht beschreiben kann. Glaubt mir, kein normaler Mensch will diese Utensilien jemals zu Gesicht bekommen! In der Hoffnung, nicht bemerkt zu werden schlich ich mich zu einer weiteren Tür. Ich kroch durch die Tür hindurch und da stand an der Mauer mit schwarzer Farbe geschrieben: „Das Missgeburtenmuseum von Bordeaux – ein Projekt der Familie Bertaud & Söhne“

[Bild: K021Missgeburt.jpg]

„Und Söhne“? Sie hatten doch nie einen Sohn, zumindest sagten sie mir das so. Doch ich habe noch nicht gesagt, was noch in diesem Raum war. In dem Raum war noch zwei weitere Türen, hinter der sich wahrscheinlich noch grausamere Sachen abspielten, und eine Person. Sie war wahrscheinlich zwischen 40 und 50 Jahre alt. Sie schien eines dieser Opfer gewesen zu sein. Die Person sah so aus, als wäre sie zusammengeschlagen worden. Es fehlten ihr jegliche Haare und sie hatte keine Beine mehr und sie war auch nicht in der Lage zu sprechen. Ich hatte sehr Mitleid mit dieser Person. Sie schien nicht von Geburt an behindert gewesen zu sein…nein…jemand musste sie zu dem gemacht haben, was sie nun ist! Die Person trug einen Zettel in der Hand, auf dem stand nur „In Liebe, deine Eltern“. Auf der Wand stand auch der Name „Lucas“. Ich wusste was das zu bedeuten hat! Dieses ekelhafte Ehepaar musste für das alles verantwortlich gewesen sein! Wahrscheinlich haben sie ihn sein ganzes Leben über in dem Raum gefangen gehalten und für ihr krankes Projekt missbraucht. Jetzt viel mir wieder ein, was der Mann an der Rezeption gesagt hat, als er das Museum verließ. Er sagte „[..]und ihr Schicksal wird in diesem Gebäude bestimmt werden!“ Neben Lucas befand sich ein Dokument. Es zeichnete mehrere Ereignisse auf. Ich fand heraus, dass Lucas mit seinen Eltern etwas „Großes“ machen wollte, doch alles lief schief und sie haben ihm „das gegeben, was er verdient“. Also Die eine Tür, die sich in dem Raum befand, betrat ich nicht, die andere schon. Sie führte zu einem ewig langen Gang. Ich befreite Lucas von diesen Ketten und trug ihn, durch den langen dunklen Gang. Er war sehr leicht und dünn. Wir gingen wahrscheinlich Stunden durch diesen Gang. Physisch kam es mir so vor, als würde er nicht existieren. Am Ende dieses Ganges befand sich eine kleine Tür. Ich öffnete sie und ich befand mich in der Wohnung des Ehepaares. Voller Wut und Verzweiflung wollte ich sie zur Rede stellen, doch sie waren nicht mehr da. Ein anderes Ehepaar wohnte nun da. Sie waren schockiert als sie mich sahen, vielleicht dachten sie, ich sei ein Einbrecher und Lucas wäre eines meiner Opfer. Sie rannten in die Küche und ich ließ Lucas in dem Raum zurück und rannte ebenfalls in die Küche. Ich versuchte ihnen alles zu erklären und sie sagten mir, dass es vor hundert Jahren hier mal eine Familie Bertaud gegeben haben soll, aber ihnen sei „schreckliches“ widerfahren und niemand wusste genau was ihnen so schreckliches passiert ist. Ich wollte ihnen Lucas zeigen, doch der war nicht mehr da und die Tür war verschwunden. Einfach weg war sie! Wie? Wie konnte das sein? Natürlich glaubten sie, ich sei verrückt und ich rannte so schnell wie es geht aus der Wohnung. Jetzt noch Probleme mit der Polizei zu bekommen, wäre nicht von Vorteil.

Draußen angekommen wollte ich wieder dieses Museum auffinden, doch es war nicht mehr da. Es war einfach weg! Ich habe definitiv gesehen, dass dieses Museum dort war und jetzt ist es einfach Weg? Nein, das kann nicht sein! Nein, nein, nein! Ich dachte mir, ich sei verrückt! Diese Nacht übernachtete ich in einem Hotel. In dem Hotel kam es mir mehrmals so vor, als würde ich am Rande meines Augenwinkels immer noch die schrecklichen Figuren sehen. Oftmals hörte ich, wie jemand an meinem Fenster kratzte. Natürlich war es klar, dass ich nicht schlafen konnte. Mitten in der Nacht hörte ich wie jemand „Hallo“ flüsterte. Ich starb beinahe vor Angst! Anscheinend war ich nirgendst mehr sicher.

Am nächsten Tag beendete ich mein Ausland-Semester sofort und ging wieder zurück nach Deutschland. Bis heute erzählte ich niemandem von den schrecklichen Ereignissen. Die Familie Bertaud konnte ich in keinem Telefonbuch, oder Internetplattform der Welt wieder finden. Ich frage mich auch, ob das alles nur Einbildung gewesen ist. Dieses Erlebnis hinterließ Spuren. In meinem Kopf höre ich immer noch die Schreie und Qualen, die diese Menschen erleiden mussten, um in einem Museum ausgestellt zu werden. Nie wieder werde ich diesen Horror vergessen. Es war echtes Leiden und bis heute leide ich unter Halluzinationen. Oft sehe ich in der Nacht bei meinem Fenster das deformierte Gesicht von Lucas. Manchmal durchbrechen diese Gedanken meine Barriere in meinem Kopf..und glaubt mir, dass ist nicht lustig. Es gibt so viel Perversion und so viel Unbekanntes in unserem Universum, dass jenseits unserer Vorstellungskraft liegt. Es ist vielleicht besser, wenn wir Menschen nicht alles erfahren, was es an Perversitäten gibt. Ich habe nun erfahren, was es heißt, zu leiden. Nie wieder fahre ich nach Frankreich. Ich vergaß Frankreich komplett. Vor zwei Wochen lag ein Brief ohne Absender in meinem Postfach auf dem stand nur:

Echtes Leiden ist unbekannt. Du kannst nicht rennen. ©

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