Geschichte: „Rabbit Project“

Vor geraumer Zeit existierten im Internet zahlreiche Legenden und Geschichten über ein menschenähnliches Wesen, das in der Nähe der russisch-ukrainischen Grenze leben sollte. Die Kreatur soll angeblich kleine Kinder sowie Jugendliche und Erwachsene verführen und diese anschließend verschwinden lassen. Sie soll aussehen wie eine Art Hase mit menschlicher Kleidung. Einige Menschen behaupten, die Kreatur würde erscheinen, wenn man ganz alleine nachts zuhause ist und nur an das Wesen denkt. Wie dem auch sei, ich beschreibe hier nun meine Erlebnisse mit dieser Erscheinung, bei welcher ich nicht davon ausgehen kann, dass sie menschlichen Ursprungs ist.

Kurz zu meiner Person. Ich bin nun 33 Jahre alt und war zu dem Zeitpunkt der Geschehnisse 26 Jahre alt. Ich war damals noch ein Theologie Student und war damit beschäftigt, ein Projekt vorzubereiten. Dieses sollte von modernen Sagen in der ukrainischen Stadt Charkiw handeln.

Nun zu dem besagten Erlebnis: Um überhaupt irgendwas über die Legenden und Sagen in der Stadt zu erfahren, musste ich Leute dazu befragen und im Internet danach suchen. Dies tat ich auch und binnen einiger Tage kam ich auf die Legende des „кролики“ (=Hasen). Über das Internet nahm ich Kontakt zu einer Witwe mittleren Alters auf, die sagte, der Hase hätte alle ihre Familienmitglieder genommen. Sie lud mich zu sich ein und ich machte mich auf den Weg zu ihrer Behausung. Dort angekommen begrüßte ich sie erstmal und war erstaunt. Ich erwartete, eine normal aussehende Frau zu Gesicht zu bekommen, doch was mir präsentiert wurde war das Abbild einer introvertierten, gebrochenen und dünnen Frau. Die Dame, welche sich Frau Sacharow nannte, sprach seltsam und hatte eine unglaublich hohe Stimme. Frau Sacharow erzählte mir, das Wesen sei in der Nacht gekommen. „Es dauerte nicht lang“ sagte sie, „da schwebte es förmlich über den Boden, denn es benutze seine Beine nicht, und nahm meine beiden Kinder in die Hand. Danach nahm es sie mit nach draußen, ich habe es versucht anzugreifen, aber ich war zu…schwach…Ich habe meine Kinder nie wieder gesehen.“

Frau Sacharow fuhr fort: „Als später mein Mann nach Hause kam, verständigten wir die Polizei mit seinem Telefon…Doch die glaubten uns kein Wort und schon bald wurde mein Mann wegen Verdachts des Mordes an meinen Kindern festgenommen und unschuldig zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Ich lebte für viele Jahre allein und in der Angst, das Wesen könne jeder Zeit wieder kommen und mich mitnehmen..Eines Tages, als ich von meiner Arbeit als Putzfrau wieder zurück nach Hause kam, fand ich meine Wohnung als Schrottplatz wieder. Alle Möbel waren verstellt oder umgeschmissen worden und an der Wand standen undefinierbare Zeichen.. Am Boden habe ich folgendes Foto gefunden, es zeigt meine beiden Kinder schweißgebadet mit diesem ‚Ding’… Hier ist es..“

Frau Sacharow zeigte mir folgendes Foto, welches ich freundlicherweise für meine Arbeiten behalten durfte:

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Furchbar. Ich bekam Angst. Frau Sacharow erzählte mir noch, dass sich ihr Mann einen Tag nachdem sie das Bild fand, in seiner Zelle erhängt hat. Die Beamten wussten jedoch nicht, ob es Selbstmord war oder nicht.

Ich verabschiedete mich von der alten Dame und machte mich auf den Weg nach Hause um dort weiter an meinem Projekt zu arbeiten. Beim Nachhause-Weg verspürte ich eine seltsame Atmosphäre und irgendwie waren weit und breit keine Menschen. Überall war dichter Nebel, der vorher irgendwie noch nicht da war. Und die ganze Zeit musste ich an dieses verdammte Wesen denken. Ich verirrte mich, ich irrte soweit herum, dass ich mich scheinbar am Land befand. Meinen Orientierungssinn hatte ich schon längst verloren. Ich ging einfach irgendeiner beliebigen Straße nach, in der Hoffnung, irgendwann endlich auf Zivilisation zu stoßen. Doch vergebens, stattdessen traf ich irgendwann im Laufe des Tages auf eine alte Plattenbauwohnung, wie man sie gewohnt ist in dieser Gegend. Ich verspürte für einen kleinen Moment wieder Freude, da ich dachte, ich wäre nur teilweise näher gekommen. Die Rettung rufen oder sowas konnte ich nicht, da mein Smartphone scheinbar ganz von allein einen Totalschaden bekam. Es sah so aus, als hätte jemand mit einem Hammer auf das Display geschlagen. Naja, ich hatte sowieso schon mit dem Leben abgeschlossen zu dieser Zeit. Ich betrat den Plattenbau damit ich jemanden um Hilfe beten konnte.

Doch auch hier waren alle Türen verschlossen, und egal wie oft man anklopfte, niemand wagte es seine Tür zu öffnen. Was mir irgendwie auffiel war, dass es scheinbar keine Fenster gab, nur Türen. Bei einer Tür wagte ich den Blick durch das Guckloch. Was ich da sah, ließ das Blut in meinen Adern gefrieren. Es war der Hase, der mich mit einem hasserfüllten Blick ansah, fast schon teuflisch war dieser Grinser. Ich rannte weg, wollte die Treppen runter ins Erdgeschoss laufen um von dort aus zu fliehen. Doch die Treppen waren scheinbar plötzlich endlos! Mir kam es nicht so vor, als wären da zuvor so viele Stockwerke gewesen! Nach einer gefüllten Viertel Stunde rennen erreichte ich schlussendlich einen Keller. Dort war die bisher einzige Tür, die offen zu sein schien. Natürlich betrat ich sie, ich hatte mit dem Leben eh schon abgeschlossen und wusste, dass ich niemals hier noch lebend rauskommen würde. Es war ein langer, schwach beleuchteter Gang. Extrem lang. Ich ging einen gesamten Tag lang diesen Gang, der ebenfalls endlos schien, Doch auch hier erreichte ich schlussendlich eine Tür. Sie führte mich in einen komplett dunklen Raum, in dem ich nichts sehen konnte. Die Tür hinter mir wurde anscheinend zugeschlagen, und als ich nach hinten tastete, fühlte ich keine Tür mehr. Sie war wohl verschwunden. Weiter tastete ich mich durch den dunklen Raum und verspürte ein Wimmeln. Scheinbar war ich nicht allein: „Hey! Wer ist da? Wo zum Teufel bin ich bitte? Und was ist das hier überhaupt?! Antworten Sie, ich kann Sie doch hören.“ stieß ich aus, doch als Antwort bekam ich nur folgenden Satz: „Hier gehst du ewig, hier verweilst du ewig, hier lebst du ewig.“

Die Stimme, welche mir diesen Satz erzählte, klang nicht menschlich. Ein Licht ging an und was ich sah, war, dass um mich herum tausende Wesen waren, die mich mit entsetzlichen Blicken anstarrten. Sie taten nichts, sie griffen mich auch nicht an, sie standen nur da. Und da ich jetzt endlich Licht hatte, ging ich weiter zu einer winzig kleinen Tür, durch welche ich mich durchquetschen musste.

In dem anderen Raum sah ich eine Art Studio. Vor der Kamera befand sich ein Sofa, das selbe Sofa aus dem Foto, welches mir Frau Sacharow schenkte. Der Raum an sich war ziemlich klein, doch die Höhe dieses Raumes war enorm. An den mindestens hundert Meter hohen Wänden waren überall Bilder von dem Hasen und seinen Opfern abgebildet und angeklebt. Hier ein Beispiel:

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Außer mir befand sich niemand in diesem Raum, so ging ich zur nächsten Tür. Im nächsten Raum fand ich mein eigenes Zimmer ohne Fenster wieder. Diesmal war alles dunkel, das einzige Licht in diesem Raum war das Licht des gestarteten Computerbildschirms. Der Desktop war unverändert worden, doch der Browser hieß anscheinend anders. Nun hieß er „Gate“. Es gab keine Adresszeile, keine Suche oder sonst etwas. Nur ein ewig langer Text, der um die Entstehung des Universums und des „zweiten Universums“ handelte. Ich spürte, dass hinter mir jemand stand und mich beobachtete, doch ich hatte keinen Mut mich umzudrehen. Stattdessen lies ich jedes einzelne Wort dieses langen Textes.

Der Text enthielt furchbare Stellen und ich saß Stunden daran, ihn zu lesen. Nachdem ich fertig war, erkannte ich nun endlich wo ich bin und was das hier eigentlich ist: Das hier ist ein Paralleluniversum, in welchen unglückliche Seelen für immer verbannt werden. Dieser Ort ist nicht bestimmt für die Lebenden und ist um hat die ungefähre Größe der Sonne. Ich vermute, der Hase ist eine Art Vollstrecker, der Leute in diese Welt zieht, die das Leben auf der normalen Erde nicht verdient haben. Er ist unsterblich und scheinbar habe auch ich das Leben nicht verdient. Ich würde mal sagen, die ganzen ungeklärten Verschwinden bestimmter Menschen haben irgendwas mit dem Hasen zu tun.

Durch die Tür des Zimmers gelangte ich seltsamerweise in einen anderen Raum, der für mich wie ein gewöhnlicher Keller aussah. In der Ecke stand der Hase, welcher sich sehr sehr langsam näherte. Er schwebte, so wie es die Dame zuvor beschrieben hatte. Ich erkannte bald, dass der Keller bis auf ein Loch keinen Ausgang hatte. Die einzige Möglichkeit also von hier zu verschwinden, wäre durch dieses Loch zu kriechen. Aber da ich nicht wusste, was dann passieren wird, wartete ich solange, bis der Hase fast schon bei mir war. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und kroch durch das Loch. Irgendwann kam ich dann an eine Oberfläche, und Gottseidank, ich war scheinbar wieder in unserer Welt. Doch damit ist die Gefahr nicht gebannt und ich leben immer noch gefährlich. Denn dieses Loch scheint eine Verbindung zu der Parallelwelt zu sein, in der ich vorhin war. Und in weiter Ferne sah ich den Hasen wieder, wie er sich näherte.

Bis heute schenkte mir niemand Glauben und ich lebe nun weit weg von der ukrainischen Stadt. Aus meinem Projekt ist nichts geworden, ich habe es nachher nur umbenannt und den Inhalt geändert. Das Projekt ist dieser Text hier, ich habe alle anderen Legenden entfernt und nur diese eingebaut, denn dies ist die einzig wahre „Legende“.

 

©HorrifyingBlog

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